Notizen für die Ewigkeit?

Rocketbook Everlast: Smarter Notizblock bleibt im Test nicht ohne Schwächen

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Dicke College-Notizblöcke und chaotische Zettelwirtschaft waren gestern: Das Rocketbook Everlast ist ein smartes Notizbuch, das sich unendlich oft benutzen lässt und per App direkt mit der Cloud kommuniziert. Was in der Theorie fantastisch klingt, kann in der Praxis leider nicht vollends überzeugen.

DIN A4-Format, Ringbindung, stabile Vorder- und Rückseite: Auf den ersten Blick sieht das Rocketbook Everlast aus wie ein gewöhnlicher College-Block. Nimmt man das smarte Notizbuch – das auf Kickstarter ein Riesenerfolg war – allerdings zur Hand, offenbaren sich sofort die Unterschiede. Das Rocketbook Everlast ist federleicht (rund 150 Gramm), die 32 Seiten sind nicht aus Papier, sondern aus einer speziellen Kunststoffmischung. Rund 40 Euro kostet das Produkt hierzulande.

Rocketbook Everlast: Das letzte Notizbuch, das man jemals brauchen wird?

Es soll das letzte Notizbuch sein, das man jemals brauchen wird, verspricht der Hersteller. Denn es lässt sich wiederverwenden, theoretisch unendlich oft. Dazu sind allerdings die speziellen Pilot 'FriXion'-Stifte nötig, deren Tinte sich ganz einfach mit einem feuchten Tuch entfernen lässt – ähnlich wie bei einem Whiteboard. Aus einem vollen Notizbuch wird so wieder ein leeres Notizbuch. Mit normalen Kugelschreibern, Bleistiften oder den Stiften anderer Hersteller funktioniert das allerdings nicht.

Das Rocketbook Everlast unterstützt Google Drive, Evernote, Dropbox, OneNote, Slack, Box und beliebige E-Mail-Adressen.

Doch was nützen die besten Notizen der Welt, wenn man sie wieder wegwischt? Hier kommt die smarte Seite des Rocketbook Everlast ins Spiel: Mit der dazugehörigen App (kostenlos für Android und iOS verfügbar) lässt sich das Geschriebene, Gezeichnete und Gekritzelte in Sekundenschnelle via Smartphone abscannen und in die Cloud hochladen. Google Drive, Evernote, Dropbox, OneNote, Slack, Box und E-Mail-Anschriften lassen sich ansteuern – eigene Dienste können nicht konfiguriert werden. Auf welche Plattform oder in welchen Channel die Dokumente hochgeladen werden, bestimmt der Nutzer vorab mit einem Kreuzchen.

Am Fuß jeder Seite des Rocketbook Everlast befinden sich nämlich sieben Symbole. In der Rocketbook-App legt der Nutzer eigens fest, welches Symbol mit welchem Online-Service verbunden werden soll: Der Pfeil kann etwa für den eigenen E-Mail-Account stehen, während das Stern-Symbol den Scan direkt an einen bestimmten Slack-Channel weiterleitet. Auch mehrere Markierungen sind möglich. Praktisch heißt das: Das Rocketbook Everlast ist ein Notizbuch für alle Projekte, sortiert wird on-the-fly. So weit, so smart.

Das Rocketbook Everlast

Das Rocketbook Everlast im DIN A4-Format mit drei Pilot 'FriXion'-Stiften.

Upload-Symbole im Rocketbook Everlast

Das Kreuzchen markiert, in welchen verknüpften Dienst ein Scan hochgeladen werden soll.

Das Rocketbook Everlast

Das Rocketbook Everlast im DIN A4-Format mit drei Pilot 'FriXion'-Stiften.

Upload-Symbole im Rocketbook Everlast

Das Kreuzchen markiert, in welchen verknüpften Dienst ein Scan hochgeladen werden soll.

Rocketbook Everlast: Kleine Details stören

Einige Probleme verstecken sich jedoch in Details. Zwar preist der Hersteller an, das Schreibgefühl sei wie auf echtem Papier. Auch wenn es sich passabel anfühlt – ganz dasselbe ist es nicht, schließlich handelt es sich um eine glatte Kunststoffoberfläche. Außerdem benötigt die Tinte einige Sekunden, um zu trocknen. Wer schnell schreibt oder mit links, kann seine Notizen schon mal verwischen.

Nur besondere Stifte

Nur Stifte der 'FriXion'-Reihe der Marke Pilot sind mit dem Rocketbook Everlast kompatibel. Kunden auf Amazon berichten übereinstimmend, dass Versuche mit anderen Stiften missglückten.

Na klar, bei klassischen Tintenfüllern passiert das auch, bei Kugelschreibern oder Bleistiften aber nicht. Diesem Problem kann man offenbar mit feineren Stiften Herr werden, die jedoch nicht im Lieferumfang enthalten sind. Außerdem nimmt das Sauberwischen der einzelnen Seiten schon ein wenig Zeit in Anspruch. Ein ausgesprochen analoger und wenig smarter Vorgang.

Das Einscannen via App läuft jedenfalls überraschend flott ab. Schnell erkennt die Smartphone-Kamera die einzelnen Seiten, markiert die Eckpunkte und signalisiert mit grüner Einfärbung des Dokuments, dass die Aufnahme erfolgreich war. Mit wenigen Handgriffen lassen sich auch mehrere Seiten hintereinander verarbeiten und in einer PDF-Datei bündeln.

Originalzeichnung im Rocketbook Everlast

Eine wunderschöne Zeichnung im Rocketbook Everlast.

Zeichnung gescannt mit Rocketbook-App und Samsung Galaxy S8

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Samsung Galaxy S8: Kontrast und Helligkeit stark erhöht. Die Blautöne in den Wolken sind kaum noch zu erkennen.

Zeichnung gescannt mit Rocketbook-App und No-Name-Smartphone

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Einsteiger-Smartphone aus China: Einige Linien und Details sind verschwunden.

Originaltext im Rocketbook Everlast

Schnelle Notiz im Rocketbook Everlast.

Text eingescannt mit Rocketbook-App und Samsung Galaxy S8

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Samsung Galaxy S8: Helligkeit und Kontrast stark erhöht. Text deutlich zu erkennen, aber nicht so klar wie im Original.

Text eingescannt mit Rocketbook-App und No-Name-Smartphone

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Einsteiger-Smartphone aus China: Gerade dünnere Linien verschwinden nach dem Einscannen.

Originalzeichnung im Rocketbook Everlast

Eine wunderschöne Zeichnung im Rocketbook Everlast.

Zeichnung gescannt mit Rocketbook-App und Samsung Galaxy S8

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Samsung Galaxy S8: Kontrast und Helligkeit stark erhöht. Die Blautöne in den Wolken sind kaum noch zu erkennen.

Zeichnung gescannt mit Rocketbook-App und No-Name-Smartphone

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Einsteiger-Smartphone aus China: Einige Linien und Details sind verschwunden.

Originaltext im Rocketbook Everlast

Schnelle Notiz im Rocketbook Everlast.

Text eingescannt mit Rocketbook-App und Samsung Galaxy S8

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Samsung Galaxy S8: Helligkeit und Kontrast stark erhöht. Text deutlich zu erkennen, aber nicht so klar wie im Original.

Text eingescannt mit Rocketbook-App und No-Name-Smartphone

Verarbeitet über die Rocketbook-App und ein Einsteiger-Smartphone aus China: Gerade dünnere Linien verschwinden nach dem Einscannen.

Allerdings hängt die Qualität der gescannten Notizen stark von der eigenen Smartphone-Kamera ab – bei günstigeren Mobiltelefonen können Details verlorengehen. Darüber hinaus passt die App automatisch Helligkeit und Kontrast an. Manchmal funktioniert das gut, manchmal nicht. Individuell konfigurieren lässt sich diese Automatik leider nicht.

Cloud-Synchronisierung hin oder her: Aufräumen muss man selbst.

Außerdem bringt das Rocketbook Everlast nicht automatisch Ordnung in das Notizenchaos, es verlagert es nur. Wer seine handschriftlichen Aufzeichnungen nicht sortiert und abheftet, der dürfte denselben Effekt auch bei dem Rocketbook Everlast beobachten – die Notizen liegen dann nicht zusammengepfercht im Block, sondern häufen sich in Online-Ablagen. Der praktische Effekt ist ähnlich: Irgendwann muss aufgeräumt werden.

Ein letzter Punkt: Das mag sich merkwürdig anhören, aber das Rocketbook Everlast riecht… wie die CeBIT oder wie jede andere große Messe, wo haufenweise neue Plastikfolien ausgerollt werden. Der chemische Geruch ist deutlich wahrnehmbar, auch nach mehreren Tagen des "Auslüftens" ist er noch nicht verflogen.

Wir danken der Firma Rocketbook, die uns ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Kann toll sein, muss aber nicht

Das Rocketbook Everlast eignet sich hervorragend, um Ideen, Konzepte und Entwürfe digital festzuhalten. Ein Gedanke landet in der Dropbox, eine Skizze kommt in einen Google-Drive-Ordner und der Rest wird einfach weggewischt. Ein smartes, robustes und dennoch sehr leichtes Notizbuch, das sich immer wieder aufs Neue befüllen lässt. So jedenfalls der Optimalfall.

Ob das Rocketbook Everlast allerdings eine sinnvolle Ergänzung für die eigene Arbeitsweise darstellt, muss jeder selbst entscheiden. Wenn ich beispielsweise meine Mitschriften aus Uni-Seminaren und Vorlesungen zum Lernen oder für Hausarbeiten herausgekramt habe, dann bin ich sie Seite für Seite durchgegangen. Und weil ich viel lieber auf Papier als am Monitor lese, hätte ich das Rocketbook Everlast in diesem Fall nicht als Bereicherung empfunden. Doch da tickt jeder anders.

Wenn es nur darum geht, handschriftliche Notizen zu digitalisieren, dann kann man das auch günstiger haben. Kostenlose Apps, die via Smartphone-Kamera Dokumente einscannen und perspektivisch korrekt zuschneiden, gibt es einige. Wer jedoch regelmäßig Notizblöcke vollkleistert und die nicht immer mit sich herumschleppen will und kann, für den ist das Rocketbook Everlast auf jeden Fall eine feine Sache.

Ich befürchte nur, dass das smarte Notizbuch für den durchschnittlichen Nutzer ein witziges Gadget bleibt, das die eigene Produktivität nicht magisch in die Höhe schießen lässt und stattdessen nach dem ersten Wow-Effekt in der Ecke landet.

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