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Kommentar

Saudi Arabien bürgert Roboter "Sophia" ein – alles nur ein PR-Gag?

Geschätzte Lesezeit: ca. 5 Minuten

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Roboter und künstliche Intelligenz sind momentan in aller Munde. Jetzt hat Saudi Arabien als erstes Land einem Roboter, nämlich Sophia von Hersteller Hanson Robotics, die Staatsbürgerschaft gewährt. Die Vorstellung von Sophia und ein anschließendes Interview mit ihr mögen für den unbedarften Zuschauer wie eine Sensation wirken. Aber ist das wirklich ein Meilenstein, oder doch nur heiße PR-Luft?

Eine KI könnte in kürze die Welt zerstören, oder zum neuen besten Freund des Menschen werden. So oder so ähnlich teilen sich momentan die beiden Lager von KI-Kritikern wie Elon Musk und Bill Gates und KI-Befürwortern wie Larry Page und Mark Zuckerberg auf. Was sie vereint, ist der Glaube an KI als Schlüsseltechnologie für die Zukunft. Was sie trennt ist die Auffassung davon, wie schnell und in welche Richtung geforscht werden sollte. Eine Superintelligenz, die den Menschen übertrifft, stuft Musk als "potentiell gefährlicher als Atombomben" ein. Und nicht nur er sorgt sich vor dem Aufstand der Killerroboter. Auch in der Bevölkerung herrscht große Unsicherheit beim Thema KI, das uns bereits in den nächsten Jahren unglaubliche Durchbrüche verspricht.

Schwarze Schrift auf weißem Grund

Musks Reaktion auf Sophias Einbürgerung: Gebt ihr einfach "Der Pate" als Input, was könnte schon schief gehen?

Quelle: (Screenshot / Elon Musk)  Twitter.com 

Schwarze Schrift auf weißem Grund

Musks Reaktion auf Sophias Einbürgerung: Gebt ihr einfach "Der Pate" als Input, was könnte schon schief gehen?  

Quelle: (Screenshot / Elon Musk)  Twitter.com 

Jetzt kommt Sophia – Die Sensation. Oder doch nicht?

Als Sophia also als erste KI in einem Roboter als Staatsbürgerin eines Landes vorgestellt wird und scheinbar selbstständig auf die Fragen des Interviewers antwortet, gehen die Bilder um die Welt. Die Presse rund um den Globus ist voll von dem etwas entrückt aussehenden Gesicht mit dem gruseligen Grinsen. Doch die Sensation müsste eigentlich ausbleiben. Oder besser: Sie müsste sich darum drehen, dass Hanson Robotics und Saudi Arabien es geschafft haben, mit relativ einfachen Mitteln die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken. Für das Land willkommene gute Presse, für Sophias Hersteller ein Marketingsegen.

Augenwischerei ohne wissenschaftlichen Hintergrund

Weder KIs noch Roboter sind menschlich oder mit Menschen vergleichbar - woher stammt der notorische Drang sie zu vermenschlichen?

Das Ganze bringt zwei Probleme mit sich. Erstens sind künstliche Intelligenz und Roboter nicht dasselbe. Sicher, eine KI kann als "Gehirn" eines Roboters auf seine Umgebung reagieren und menschliche Interaktionen simulieren. Eine KI kann aber kein Mensch werden. Das braucht sie auch gar nicht. Es geht bei ihr um einen Algorithmus, der entsprechend einer Grundprogrammierung lernt und agiert. Mit Sophia menschliches Verhalten vorzugaukeln (und das ist eigentlich das einzig Spannende, was Hanson Robotics gelungen ist), ist Augenwischerei. Denn: Sophia hat nichts Menschliches an sich. Sie hat kein Bewusstsein und es ist davon auszugehen, dass das geführte Interview lange vorbereitet wurde.

Menschliches Verhalten ist nicht das Ziel

Menschliches Verhalten zu zeigen, ist darum ein Gag. Es war ein PR-Stunt um für staunende Blicke zu sorgen. In Wahrheit ist die schlauste KI der Welt die von Google, mit einem IQ-Wert von 47. Das ist in etwa Schimpansen-Niveau, oder das eines sechsjährigen Kindes. Die KI in der CPU von Sophia dürfte also noch einmal darunter liegen. Genauso gut hätte Saudi Arabien also einem Schimpansen die Staatsbürgerschaft anerkennen können – er wäre deutlich sozial-interaktiver als Sophia, sobald von dem Interviewprotokoll abgewichen wird. Die Vorstellung vor der Presse hat also nichts weiter getan, als ein falsches Bild von der Zukunft und Verwendung von KIs zu zeichnen. Sophia ist kein annähernd menschlicher Roboter, sondern ein gelungener Gag zur besten Sendezeit.

Aufklären ist wichtiger als Klatschen

Mann trifft Roboterfrau vor dunklem Vorhang

Auch bei Jimmy Fallon war Sophia schon zu Besuch: Mit angeschlossenem Stromkabel und auf Rollen  

Quelle: (Screenshot / The Tonight Show Starring Jimmy Fallon)  Youtube.com 

Mann trifft Roboterfrau vor dunklem Vorhang

Auch bei Jimmy Fallon war Sophia schon zu Besuch: Mit angeschlossenem Stromkabel und auf Rollen  

Quelle: (Screenshot / The Tonight Show Starring Jimmy Fallon)  Youtube.com 

In meinen Augen ist es deutlich sinnvoller, die potentiellen Vorteile von künstlicher Intelligenz zu kommunizieren und offen über die Gefahren zu sprechen. KIs könnten dabei helfen, Rätsel in der Krebsforschung zu lösen, unsere Wirtschaft in Schwung zu bringen, Krankheiten zu diagnostizieren, Raumschiffe und Flugzeuge für uns zu fliegen und unsere Computer zu verwalten. Sie helfen uns schon heute beim Übersetzen, als Navigationssoftware oder Suchmaschine im Netz. Sie haben kein Geschlecht und keine Gefühle. Sie sind Algorithmen und wir tun gut daran, sie nicht zu vermenschlichen. Nur zu gerne legen wir uns Menschen als Vergleichslineal an, wo immer es unpassend ist. Künstliche Intelligenz? Wie menschlich ist die? Ein Schimpanse? Wie ähnlich ist er uns Menschen.

Ein Apfel ist keine Birne

Dabei muss es nicht immer ums Vermenschlichen gehen. Wir sollten anfangen, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ein Primat ist ein Tier, genau wie wir Menschen, aber eben ganz anders, mit einem anders funktionierenden Gehirn. Sie tragen keine Kleidung und wollen auch keine Bilder malen, egal wie oft wir in peinlichen TV-Shows zeigen, dass sie das gegen Belohnungen lernen können. Etwas nachzumachen bedeutet eben noch lange nicht, es auch selbst zu erschaffen, oder dabei dasselbe zu denken und zu fühlen. Lassen wir einen Roboter und eine KI doch einfach sein, was sie sind: intelligente Programme und Werke von uns Menschen, die uns in Zukunft den Alltag erleichtern könnten. Nicht mehr und nicht weniger.

Sophias Auftritt schadet der Wissenschaft

Roboter und KIs so zu vermenschlichen, wie es vor einigen Tagen mit Sophias Auftritt geschehen ist, bringt niemandem etwas. Die Bevölkerung wird entweder klatschen und schon den eigenen Haushaltsroboter neben sich sehen, oder schockiert an Terminator und den Aufstand der Maschinen denken. Beides ist illusorisch und schürt bloß Hoffnungen und Ängste, die beide (noch) unbegründet sind. Stattdessen sollte sich die Politik damit beschäftigen, Regeln für die KI-Forschung aufzustellen, damit sie im kontrollierbaren Rahmen stattfindet. Das ist sowohl sachlicher, als auch dienlicher in der Weiterentwicklung von KI, die für unsere Zukunft essentiell sein wird. Ängste zu schüren mit sensationslüsternen Auftritten wie in Saudi Arabien schadet dieser Weiterentwicklung. Kein Grund zum Klatschen also, es sei denn man arbeitet bei Hanson Robotics und freut sich über den Erfolg der angelaufenen Marketing-Kampagne.

Wer das komplette Interview mit Sophia sehen möchte - hier ist es im Originalton:

Hier erfährst du mehr über: Künstliche Intelligenz

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