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Preisgekröntes Projekt mit Nebenwirkung

Startup will eure Hirne in Zukunft in Computer übertragen, euch aber erst töten

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Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Ein US-Startup, dass bereits mehrere Preise für seine Errungenschaften in der Konservierung von Gehirnen gewonnen hat, geht jetzt mit einem neuen Geschäftsmodell an den Start. Sie wollen eine Warteliste für Menschen anbieten, die ihr Gehirn konserviert und in Zukunft in Computer geladen haben möchten. Dafür müssen diese Klienten allerdings einen ärztlich begleiteten Suizid in Kalifornien begehen.

Erst im November berichteten wir ausführlich über Elon Musks jüngstes (und wahrscheinlich auch verrücktestes) Unternehmen, nämlich Neuralink . Mit Neuralink hat sich der Tausendsassa auf die Fahnen geschrieben, eine wirklich wirkungsvolle 'Waffe' gegen eine KI-Herrschaft in Zukunft zu schmieden. Die Idee dahinter in Kürze: Wir entwickeln eine Technologie, die es uns ermöglicht, unsere Gehirne mit Computern zu verbinden, also eine direkte Schnittstelle herzustellen. Dann können wir mit unseren Gedanken in den Schaltkreisen reisen und ähnlich schnell denken und handeln wie eine künstliche Intelligenz. Wir machen ihr quasi den Wohnraum streitig, sodass sie nicht alleiniger Entscheider im Haus ist - so oder so ähnlich das Kalkül dahinter. Ob es funktionieren wird? Ungewiss. Ein neues Startup aus den USA will jetzt einen entscheidenden Beitrag zu dieser Grundidee liefern.

'Nectome': Erst sterben, dann vielleicht in Zukunft in einem Computer aufwachen

Mann im schwarzen Anzug mit weißem Hemd

Elon Musk ist ein großer Fan der Gehirn-Computer-Schnittstelle und arbeitete selbst daran mit.  

Quelle: (Screenshot / Feras Antoon)  ferasantoonreports.com 

Mann im schwarzen Anzug mit weißem Hemd

Elon Musk ist ein großer Fan der Gehirn-Computer-Schnittstelle und arbeitete selbst daran mit.  

Quelle: (Screenshot / Feras Antoon)  ferasantoonreports.com 

Nectome heißt das Startup, das in Kalifornien tätig ist, weil Sterbehilfe dort seit zwei Jahren mit dem 'End of Life Option Act' legal ist für Menschen mit tödlichen Krankheiten - das ist nämlich Voraussetzung für die Geschäftsidee. Kurz gesagt geht die ungefähr so: Man zahlt als Betroffener einer unheilbaren Krankheit 10.000 Dollar, um bei Nectome auf die Warteliste für die Gehirnkonservierung zu kommen. Diese 10.000 Dollar können jederzeit zurückerstattet werden. Wenn die Firma so weit ist, muss man nach Kalifornien, um sich dort von einem Arzt kontrolliert und schmerzlos beim Sterben helfen zu lassen.

Vorher werden moderne 'Einbalsamierungs-Chemikalien' unter Narkose über eine Nackenarterie den Blutkreislauf injiziert. Sobald man nicht mehr bei Bewusstsein ist, wird das Gehirn dann chirurgisch entfernt und in eine neuartige Lösung gelegt, bevor es quasi schockgefrostet wird. 'Aldehyde-Stabilized Cryopreservation' heißt das Verfahren, das bereits einen Preis gewonnen hat.

Beim Schwein hat es funktioniert - auch mit den wissenschaftlichen Fördermitteln

Falls das für euch zu abgefahren klingt, um möglich zu sein: Nectome ist kein Unbekannter in der Transhumanismus-Bewegung und ihr Konzept kein Hexenwerk. Die Firma hat bereits große Summen an Regierungsgeldern in den USA erhalten und arbeitete mit Neurowissenschaftlern des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) zusammen. Für den letzten Test der Methode wurde das Verfahren bei einem Schwein durchgeführt.

Dabei konnte der Nachweis erbracht werden, dass nach dem Verfahren die Synapsen des Schweinehirns noch immer aktiv und gesund waren, wie bei einem lebenden Tier. Da wir mit Schweinen circa 98 Prozent unserer Gene teilen, werden diese nach Tests an Ratten und Mäusen oft als finale Testsubjekte genutzt, bevor Menschen ins Spiel gebracht werden. 80.000 Dollar gab es für diesen Erfolg in Form eines Wissenschaftspreises.

Nectome und das Problem mit der Warteliste

Wer unsterblich werden will muss an einer tödlichen Krankheit leiden und 10.000 Dollar mitbringen - und Geduld.

Die Technologie hat also Potenzial, aber es hat einen Grund, warum es eine Warteliste gibt: Erste Versuche an Menschen sind noch nicht freigegeben und es wird noch einige Jahre dauern, bis das Verfahren bereit ist für menschliche Probanden. Bislang befinden sich genau 25 Personen auf der Liste, die in Zukunft gerne in einer Computersimulation aufwachen möchten.

Dieses Verfahren eines 'Produktes in ein paar Jahren' wurde bereits von Musks Elektro-Konzern Tesla ausgiebig und sehr erfolgreich genutzt. Es gibt bereits ähnliche 'Einfrier-Firmen', die sofort bereit stehen - zum Beispiel die 'Alcor Life Extension Foundation' in Arizona, die aktuell mehr als 150 konservierte Menschen in Tiefkühlbehältern lagert. Der Haken: Dort werden nur Verstorbene aufgenommen, darum die niedrigere juristische Hürde. Außerdem ist bis heute umstritten, ob das Schockfrosten dort das Gehirn langfristig schädigt. Nectome waren die ersten, die nachweisen konnten, dass das mit ihrem Verfahren nicht der Fall ist.

Aufwachen in einer Simulation oder in einem Alptraum?

Die Idee der Nectome-Gründer Robert McIntyre und Michael McCanna sieht vor, dass die exponentielle Entwicklung in der KI- und Computerforschung schon in naher Zukunft dafür sorgt, dass wir den Inhalt unserer Gehirne in Computer einspeisen können. Sie sind sich sogar sicher, dass das noch in ihrer Lebenszeit geschehen wird - für Mittvierziger eine optimistische Aussage. Ihrer Idee nach werden an diesem Punkt die konservierten Gehirne ihrer Kunden ausgelesen und in entsprechende Computer übertragen, wo sie beispielsweise eine Simulation bewohnen könnten. Dort würden sie sich mit ihren Gedanken und Erinnerungen bewegen und handeln können, nur eben digital.

Transhumanismus als topaktuelles Gesellschaftsthema

Mann betrachtet leuchtende Kugel

Transhumanismus galt lange als 'Zauberkugel'-Spinnerei, wird heute jedoch breit in Wissenschaft und Populärliteratur diskutiert.  

Quelle: (schmetfad)  Shutterstock.com 

Mann betrachtet leuchtende Kugel

Transhumanismus galt lange als 'Zauberkugel'-Spinnerei, wird heute jedoch breit in Wissenschaft und Populärliteratur diskutiert.  

Quelle: (schmetfad)  Shutterstock.com 

Die Ideen der beiden MIT-Absolventen könnte auch von Ray Kurzweil stammen, Google’s KI-Oberhaupt und Vordenker, der in zahlreichen Büchern seit den Achtzigern Technologien vorhergesagt hat, die tatsächlich eingetroffen sind. Beispielsweise verkündete er das Smartphone bereits zehn Jahre vor ihrer Einführung auf ein Jahr genau. Seine Aussagen und Ted X Talks sind populär und gehen durch das Internet, vor allem, wenn er über das Zurücklassen unserer Körper zugunsten eines neuen Lebens in digitaler Form spricht. Dinge, die gestern noch wie Science-Fiction anmuteten, erscheinen plötzlich greifbar mit immer neuen Zukunftstechnologien wie Virtual und Augmented Reality und täglichen Sprüngen in der KI-Forschung.

Homo Deus für Reiche?

Ein Buch, das kürzlich weltweit zum Bestseller wurde und noch immer heiß diskutiert wird, ist 'Homo Deus' vom israelischen Zukunftsforscher Yuval Noah Harari, der darin den aktuellen Forschungsstand beschreibt. Auch er sagt voraus, dass unsere Gehirne schon bald mit Maschinen verschmelzen werden und uns damit unsterblich machen könnten. Nur andeuten tut er allerdings, dass das vorerst wenn überhaupt nur Reiche betreffen wird.

10.000 Dollar klingt erst einmal nicht nach der Welt, doch sobald es wirklich funktioniert, werden die Preise in die Höhe gehen. Dann könnten solche 'Produkte' wie die von Nectome, die mit der menschlichen Urangst vor dem Tod Kasse machen, zur gesellschaftlichen Zerreißprobe werden. Ein ähnliches Zukunftsszenario spielt aktuell die gefeierte Netflix-Serie 'Altered Carbon' auf meisterliche Art und Weise durch.

Wo sind die Psychologen?

Gehirn explodiert, mind blown im Comic-Stil

Die Frage ist nicht nur, ob es technologisch funktionieren wird, sondern was es mit uns persönlich macht, wenn es funktioniert.  

Quelle: (studiostoks)  Shutterstock.com 

Gehirn explodiert, mind blown im Comic-Stil

Die Frage ist nicht nur, ob es technologisch funktionieren wird, sondern was es mit uns persönlich macht, wenn es funktioniert.  

Quelle: (studiostoks)  Shutterstock.com 

Die Frage wird aber auch auf einer ganz persönlichen Ebene sein, wie die 'Betroffenen' oder 'Klienten' damit umgehen, wenn ihr Produkt tatsächlich funktioniert. Wie fühlt man sich, wenn seine Erinnerungen und Persönlichkeit in einer Simulation aufwachen und man weiß, dass nichts davon 'echt' ist? Was macht es mit unserer Psyche, wenn wir keinen 'Echten' Körper mehr haben? Wenn alles Erlebbare Folge von einer Aneinanderreihung von Einsen und Nullen ist? Ist das überhaupt erstrebenswert? Und ist das, was da im Computer aufwacht wirklich die Person, deren Gehirn kopiert wurde, oder bloß eine Kopie?

Lässt sich eine 'Seele' oder Persönlichkeit überhaupt kopieren? Bis heute können wir sie nicht einmal messen, geschweige denn bestimmen. Auf diese Fragen hat Nectome freilich keine Antworten, sie könnten für Interessenten aber wichtiger zu beantworten sein als die Frage, ob Nectomes Idee rein praktisch funktioniert.

Quelle: technologyreview.com

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