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Tourist-KI: Kann Facebook das, was Google kann? [Update]

Geschätzte Lesezeit: ca. 7 Minuten

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Facebook möchte gerne zu den KI-Leadern gehören und investiert jede Menge Geld, um dieses Ziel zu erreichen. Der jüngste Streich im Zuge dieser Strategie: Ein Experte von Google abgeworben und eine neue KI entwickelt, die wie ein Tourist in New York nach dem Weg fragt - und zwar eine andere KI. Das Ziel ist eine effizientere und menschlichere Sprachnutzung der Algorithmen.

Man denkt es nicht sofort, aber Facebook ist ein Unternehmen, das wie kaum ein anderes auf der Welt auf künstliche Intelligenzen angewiesen ist - abgesehen vielleicht vom 'Feind' Google. Korrekter wäre sogar zu sagen, dass Facebooks gesamtes Angebot auf KIs basiert. Da wären zum einen die vorgeschlagenen Posts in eurem Newsfeed, die von Algorithmen ausgesucht werden. Dann wären da noch die Such-, Freunde- und Seitenvorschläge, die von ihnen generiert und uns im Browser angezeigt werden. Aber das Kernstück von Facebooks Geschäft ist und bleibt die Werbung: Auch hier schalten und walten komplexe künstliche Intelligenzen, die anhand unseres Nutzungsverhaltens auf Facebook selbst und so ziemlich jeder Website, die mit Facebook verbunden ist (also so gut wie alle), personalisierte Werbung in unseren Feed schleusen.

Hinzu kommen Chatbots, die im Messenger für automatisierte Antworten und einfache Gespräche sorgen, beispielsweise für Unternehmensseiten und Facebook selbst. Es lässt sich also mit Fug und Recht behaupten, dass alles, was Facebook ausmacht, im Alltagsgeschäft von Algorithmen erledigt wird - schließlich sitzen keine Mitarbeiter vor ihren Rechnern und stellen uns unseren Newsfeed zusammen.

Die KI-Revolution: Facebook will mehr

Computerchip

Chipsätze könnten der neue Trend in der KI-Forschung Facebooks seien. Für die eigenen Server, für eigene Endgeräte, oder gar für beides.  

Quelle: (Nor Gal)  Shutterstock.com 

Computerchip

Chipsätze könnten der neue Trend in der KI-Forschung Facebooks seien. Für die eigenen Server, für eigene Endgeräte, oder gar für beides.  

Quelle: (Nor Gal)  Shutterstock.com 

Erst vor zwei Tagen horchte die Tech-Welt auf, als bekannt wurde, dass Shahriar Rabii, ein führender KI-Experte und Senior Director of Engineering bei Google die Seiten gewechselt hat und sein Fachwissen ab jetzt für Facebook einbringt. Dort hört er nun auf die schicken Titel 'Vice President und Head of Silicon' - ja, genau: Chef des Silikons. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die neue Autorität auf dem Feld der Brustvergrößerungen, sondern eine neue Entwicklung des Social Media Konzerns. Dort arbeitet man nämlich offenbar an KIs, die anpassbare Silikonchips entwickeln können. Noch ist allerdings vollkommen unklar, ob Facebook damit plant seine eigenen Server weiterzuentwickeln, oder gar an eigene Endgeräte für seine Nutzer denkt, von denen es immerhin knapp zwei Milliarden auf der Welt gibt.

Wer jetzt an den schmachvollen Flop des Facebook Phones denkt, könnte richtig liegen. Die Frage ist allerdings, in welche Richtung: Entweder will man seine Fehler wieder gut und es jetzt besser machen, oder aber man sieht in Zukunft von eigener Hardware ab und will tatsächlich seine Server aufpolieren, die mit den gespeicherten Datensätzen ja immerhin so etwas wie das Fort Knox des Unternehmens sind. Vielleicht gilt die neue Silikon-Forschung aber auch für beide Ansätze, schließlich gibt es keinen Grund, nur einen Weg zu verfolgen.

KI als Waffe gegen Hassrede und Fake News

Facebook ist auf Algorithmen angewiesen, weil das Unternehmen ohne sie nicht existieren würde. Besonders wichtig werden KIs aber für die Eindämmung von toxischen Posts und Kommentaren sein.

Ein besonderes Augenmerk legt Facebook spätestens seit dem anhaltenden Skandal um Cambridge Analytica auf den Kampf gegen Hassrede, Manipulation, Spam und Fake News auf seiner Plattform. Ironischerweise hatte das Datenschutzproblem, das durch Cambridge Analytica ans Licht der Öffentlichkeit kam, gar nichts mit toxischen Usern und Communities auf Facebook zu tun. Doch im Zuge der Anhörungen vor Kongress und Senat in den USA und "Experten" des EU-Parlaments kam das Thema immer wieder zur Sprache. Viele Politiker haben Cybermobbing und politische Einflussnahme durch Trolle und Fake News zum Hauptfeind unserer digitalen Zeit erkoren und Zuckerberg mehrfach darauf angesprochen.

Die Lösung kann nicht immer mehr Mitarbeiter sein, die als Moderatoren sämtliche Nachrichten und Posts durchforsten, da die schiere Datenmenge kaum zu bewältigen ist. KIs hingegen machen keine Pausen und arbeiten 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Facebook arbeitet darum mit Hochdruck an der Weiterentwicklung von Algorithmen, die selbstständig Fake News, Trolle und Spam identifizieren und markieren oder sogar direkt löschen können. Die Zukunft des sozialen Netzwerks könnte davon abhängen.

Tourist-KI - ein Hilfsmittel für die Anti-Hass-KI?

Amazon Echo der zweiten Generation auf dem Nachttisch

Sprachassistenten wie Alexa gaukeln uns vor, besonders intelligent zu sein, doch der Eindruck täuscht: Noch ist Sprache eine schwer zu überwindende Barriere für KIs, weil sie das Verstehen komplexer Bedeutungszusammenhänge erfordert.  

Quelle: (Pressekit)  Amazon 

Amazon Echo der zweiten Generation auf dem Nachttisch

Sprachassistenten wie Alexa gaukeln uns vor, besonders intelligent zu sein, doch der Eindruck täuscht: Noch ist Sprache eine schwer zu überwindende Barriere für KIs, weil sie das Verstehen komplexer Bedeutungszusammenhänge erfordert.  

Quelle: (Pressekit)  Amazon 

Tourist-KI wird die neueste Entwicklung genannt, die direkt auf das Konto jener KIs einzahlen könnte, die künftig für Ordnung sorgen. Der neue Algorithmus kann sich durch New York durchfragen wie ein Tourist, der sich nicht auskennt und Platz XY finden möchte. Dazu haben die Entwickler in Menlo Park mit 360-Grad-Kameras bestimmte Stadtteile New Yorks abgelichtet und die Realbilder einer KI zur Verfügung gestellt, die diese Bilder mit einem 2D-Modell der Stadt abgleicht. Die Tourist KI wurde dann mit der Aufgabe betraut, bestimmte Orte zu finden, die es anhand eines Bildes, einer Beschreibung, oder des Namens gezeigt bekam.

Sie musste die erste KI dann über Sprache nach dem Weg fragen, ganz so, als würde sie durch die Straßen gehen und Menschen fragen. So entstand ein Gespräch zwischen beiden Algorithmen und der Weg wurde gefunden. Spannend daran ist, dass die KIs ähnlich wie Babies gelernt haben, Orte und Gegenstände zu benennen. Nicht etwa anhand von Simulationen, sondern mittels echter Bilder, wie sie auch ein Mensch sehen würde. Dieses Vorgehen wird 'embodied AI' genannt, das nicht auf riesigen Datensätzen basiert, sondern Lernen anhand realer Umfelder fördern soll.

Alles für die Sprache

Das klingt so, als wolle man die perfekte Touristen KI-erschaffen, die uns auf dem Smartphone erklärt, wohin wir gehen müssen, wenn wir sie nur fragen - ein weiterer Schritt dahin, dass wir mit niemandem mehr sprechen müssen. Aber so scheint es nicht zu sein. Das Ziel ist viel mehr, dass Algorithmen lernen, reale Orte wie Restaurants, Statuen, Parks und so weiter mit den korrekten Begriffen zu versehen und sie in einen Kontext stellen zu können. Bisher leiden KIs unter einer enormen Sprachbarriere, weil sie nur einfachste, vorprogrammierte Antworten geben können. Googles Duplex scheint da eine erste Ausnahme zu sein, bei der allerdings umstritten ist, ob sie so funktioniert wie dargestellt.

Facebook möchte mit der KI-Konversation im Gewand eines Touristen und eines Einheimischen viel eher, dass beide lernen, wie Menschen zu denken und zu sprechen. Das wiederum deutet offensichtlich daraufhin, dass das Projekt 'Tourist-KI' eher auf das größere Gesamtprojekt gemünzt ist, durch das KIs irgendwann selbstständig gegen Hassrede und Fake News vorgehen sollen. Dabei geht es schließlich zentral um die Benutzung von Sprache in teilweise hochkomplexen Zusammenhängen. In diesem Fall kann man der KI-Sparte von Facebook nur die Daumen drücken.

+++(Update 18.07.2018)+++

FAIR: Facebook kooperiert massiv mit akademischen Einrichtungen

FAIR steht für 'Facebook AI Research', also die gesamte KI-Forschungssparte des Unternehmens und FAIR verkündete gestern, das man seine Kooperationen mit Universitäten forciere. Konkret sieht das so aus, dass Professoren, Doktoranden und Studenten finanziell und personell von Facebook unterstützt werden und die Ergebnisse beiden zur Verfügung stehen. Aber das Wissen von Vorzeigeakademien wie Berkeley, die UCLA und die Carnegie Mellon University in Pittsburgh wird auch regelrecht abgesaugt, da Facebook ihre KI-Größen ins eigene Unternehmen locken konnte.

Anerkannte Experten aus dem akademischen Bereich wie Luke Zettlemoyer aus Seattle oder Jitendra Malik aus Berkeley wechseln zu Facebook und landen auf dem Lohnzettel, während sie gleichzeitig als Bindeglied zwischen ihren ehemaligen Universitäten und dem Unternehmen dienen. Mit der Ausweitung von FAIR sichert sich Facebook ähnlich wie Google den Anschluss an die Forschung im Akademischen Umfeld, versucht so aber auch, den weltweiten Wettbewerb um aufstrebende Talente nicht zu verlieren. Es gibt ein massives Nachwuchsproblem in der KI-Forschung, das nur durch die Universitäten gelöst werden kann.

+++(Ende Update 18.07.2018)+++

Quellen: technologyreview.com, engadget.com, newsroom.fb.com

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