Finanzierungsziel erreicht

Unabhängig und frei!? Smartphone Librem 5 verspricht Privatsphäre

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Ein quelloffenes Smartphone mit eigenen Treibern und offener Software. Entwickelt "von den Menschen, für die Menschen", ohne geschlossene App-Ökosysteme und Datensammelei, dafür mit dezentraler Kommunikation und integrierter Verschlüsselung. Purism – der Hersteller des offenen Smartphones 'Librem 5' – verspricht paradiesischen Schutz der eigenen Daten und Privatsphäre. Kann das gut gehen?

1,5 Millionen Dollar hat Purism für die Entwicklung seines offenen Smartphones gesammelt – und damit das primäre Finanzierungsziel erreicht. Nun ist der Weg frei für das 'Librem 5', das fast vollständig auf freie und Open-Source-Software setzt und 2019 erscheinen soll. Ein grundlegender Gedanke bestimmt die gesamte Konzeption des Mobiltelefons: "Wir sind überzeugt, dass ein Smartphone seinen Nutzer nicht überwachen und sein digitales Leben nicht auswerten sollte."

Deshalb wird das Librem 5 auch nicht auf etablierte Betriebssysteme wie Android oder iOS setzen, sondern auf das eigens entwickelte, quelloffene 'PureOS'. Darüber hinaus sollen weitere GNU/Linux-Distributionen unterstützt werden. Zur Kommunikation setzt das Librem 5 auf das dezentralisierte 'Matrix'-Netzwerk und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. In puncto Datenschutz und Transparenz kann das Gerät punkten.

Trotz der eher mäßigen Ausstattung soll der Privatsphäre-Spaß 599 Dollar kosten

Kamera, Mikrofon, WiFi- und Bluetooth-Empfänger sollen sich bei Bedarf mit Hardwareschaltern bequem aktivieren und deaktivieren lassen. Verpackt wird das Ganze in ein Metallgehäuse mit hochauflösendem 5-Zoll-Display (eine genaue Angabe der Auflösung fehlt). Im Inneren werden ein i.MX6/8-Prozessor, 3 GB Arbeitsspeicher und 32 GB interner Speicher ihre Arbeit verrichten. Standards wie USB-C, GPS und LTE sind an Bord.

Trotz der eher mäßigen Ausstattung soll der Privatsphäre-Spaß – der wohlgemerkt frühestens in zwei Jahren ausgeliefert wird – allerdings 599 Dollar kosten. Bis dahin wird die Hardware ganz sicher nicht aktueller.

Librem 5: Zweifel drängen sich auf

Bei näherem Blick offenbaren sich weitere Probleme. Telefon, E-Mail, Browser, Kamera, Sprachnachrichten und Messaging – die absolut essentiellen Dinge soll das Librem 5 zwar von Anfang an beherrschen. Auch HTML5-Webanwendungen, etwa von YouTube, Instagram oder Twitter, wird das Gerät unterstützen. Doch darüber hinaus wird die Luft dünn – integrierte Apps dieser Art fehlen. WhatsApp, Facebook, Snapchat? Fehlanzeige.

Das Librem 5

Äußerlich unspektakulär: Das Librem 5 sieht aus wie ein gewöhnliches Smartphone.

Purism

Das Librem 5

Der Homescreen des Librem 5 wirkt ein wenig altbacken, eine klare Linie fehlt.

Purism

Das Librem 5

Äußerlich unspektakulär: Das Librem 5 sieht aus wie ein gewöhnliches Smartphone.

Purism

Das Librem 5

Der Homescreen des Librem 5 wirkt ein wenig altbacken, eine klare Linie fehlt.

Purism

Freilich: Das sind sicher nicht die Apps, die für die sehr datenschutzbewusste Zielgruppe des Librem 5 von Interesse sind. Es zeigt aber auch, dass das offene und freie Smartphone die Nutzungsgewohnheiten des durchschnittlichen Smartphone-Users nicht bedienen kann. Ein Effekt, der sich selbst verstärkt: Eine geringe Nutzerbasis zieht nur wenige Entwickler an. Das sorgt für ein geringes App-Angebot, was wiederum Nutzer abschreckt. Über ein Nischendasein dürfte das Librem 5 so kaum hinauskommen – wenn überhaupt.

Die entscheidende Frage lautet: Sind die Nutzer in großen Teilen bereit, auf Komfort und Funktionalität zu verzichten, um Privatsphäre und Datenschutz zu gewinnen? Wenig deutet darauf hin. Ob das Librem 5 daran etwas ändert, wird sich frühestens 2019 zeigen. Dass es jedenfalls sehr schwierig ist, ein Produkt auf dem Mobile-Markt zu etablieren, hat sich gerade erst wieder gezeigt: Selbst der Tech-Riese Microsoft legt seine Smartphone-Ambitionen auf Eis. Auch Mozilla ist vor einiger Zeit mit dem ehrgeizigen 'Firefox OS' gescheitert.

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